Guter Stress, schlechter Stress
Altlasten aus der Entwicklungsgeschichte
Körper in Alarmbereitschaft
| Stress ist eine Reaktion des Körpers auf außergewöhnliche Belastungen. Um besondere Herausforderungen meistern zu können, versetzt sich der Organismus in eine allgemeine Alarmbereitschaft. Damit erhöht er vorübergehend seine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Stress ist also keine Krankheit. Dennoch kann Stress krank machen. Er kann dem Leben aber auch erst den richtigen Schwung verleihen. Oder gar Leben retten. |
Guter Stress, schlechter Stress
Stress kann unterschiedlich empfunden werden. Als positiver Stress gilt sicherlich die Anspannung vor neuen Aufgaben, auf die man sich freut – wie z. B. ein sportlicher Wettkampf, ein neuer Job oder das erste Date. All diesen Situationen ist gemeinsam, dass die Phase der Anspannung zeitlich begrenzt ist und dass auf sie eine Zeit der Entspannung und Erholung folgt. Dann und nur dann sprechen Mediziner von gutem Stress (Eustress). Er spornt uns zu Höchstleistungen an, ohne uns zu überfordern, und ist insofern befriedigend.
Ganz anders der schlechte Stress (Distress). Er wird als Überforderung und Bedrohung empfunden. Dauert der schlechte Stress an, folgt auf ihn also nicht eine Phase der Entspannung, kann Distress die Gesundheit schädigen.
Erbe unserer Vorfahren
Stress kann also gesund sein, aber auch krank machen. Um diesen scheinbaren Widerspruch zu verstehen, sollten Sie wissen, was Stress in Ihrem Körper anstellt.
In Momenten höchster Not reagiert der Körper in Rekordtempo: Ist Gefahr in Verzug, überschwemmt er schlagartig den Organismus mit den Stresshormonen Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Mit weit reichenden Konsequenzen: Herzschlag und Atmung werden schneller, Blutzucker und Blutdruck steigen, die Blutfettwerte klettern, Muskelspannung und -durchblutung nehmen zu. Mit diesen Reaktionen setzt sich der Körper blitzartig in Alarmbereitschaft: Seine Reaktions- und Leistungsfähigkeit steigt rapide an.
Zum Glück aller Steinzeitmenschen hat sich dieses Reaktionsmuster „Stress“ schon in grauer Vorzeit herausgebildet. Denn wer noch Mammuts und andere wilde Tiere jagt, für den sind Gefahrensituationen natürlich an der Tagesordnung. Stressreaktionen des Körpers verbesserten also die Chancen unserer Vorfahren, den Kampf mit wilden Tieren zu gewinnen oder erfolgreich zu fliehen – eine wertvolle Fähigkeit fürs Überleben.
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Altlasten aus der Entwicklungsgeschichte
| Doch längst prägt der Kampf mit wilden Tieren nicht mehr unser Leben. Körperliche Höchstleistungen und Flucht gehören nicht mehr zu unserem Alltag. Der zeitgenössische Mensch ist ganz anderen Stressauslösern ausgesetzt. Die Reaktionen des Organismus auf Stress sind jedoch gleich geblieben, genau genommen passen sie nicht mehr in unsere Zeit. Durch Kampf oder Flucht konnte der Neandertaler seinen Erregungszustand noch abarbeiten. Danach, wenn die Gefahr gemeistert war, folgte eine Phase der Entspannung. Das sieht heutzutage ganz anders aus. |
In der Arbeitswelt
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Der Zeitdruck ist allgegenwärtig, ein Termin jagt den nächsten. Phasen der Entspannung sind längst wegrationalisiert. Möglichkeiten, die Anspannung abzureagieren, sind nicht vorgesehen. Bildschirmarbeitsplätze zwingen zum stundenlangen Stillsitzen. Die meisten nehmen den Arbeitsdruck abends sogar noch mit nach Hause. Hinzu kommt bei vielen die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Leicht vorstellbar, dass unter solchen Belastungen dann auch das Familienleben leidet: Der Stress geht also weiter, der Zustand der Anspannung bleibt.
Nicht nur Manager
Wer beim Thema Stress hauptsächlich an geplagte Führungskräfte denkt, könnte falscher nicht liegen. Längst hat die Wissenschaft nämlich herausgefunden, dass Menschen, die über ihre eigene Tätigkeit entscheiden können, Stress häufig als positiv empfinden. Arbeitnehmer, die ihr Aufgabengebiet und -pensum vorgesetzt bekommen und ständig hinter diesen Vorgaben herhetzen müssen, sind hingegen anfälliger für den schlechten, den ungesunden Stress, den Distress. Vor allem, wenn ihnen Anerkennung vorenthalten wird, wie es in vielen Firmen heute ja leider üblich ist.
Teufelskreis Stress
Bedenklich ist Stress vor allem, wenn er dauerhaft anhält, oftmals sogar über viele Jahre. Muss der Körper ständig Höchstleistungen bringen, versucht er, sich auch daran anzupassen. Der eigentlich nur für Ausnahmesituationen oder Gefahrensituationen vorgesehene Alarmzustand wird zur Normalität. Doch schon bald rächt sich diese Langzeitmobilmachung: Entspannung fällt immer schwerer, das Nervenkostüm wird dünn und dünner, Körper und Seele „brennen“ regelrecht aus, die Leistungsfähigkeit schwindet: Der Druck wird immer größer, denn jetzt droht auch noch das Scheitern. Leidet nun auch noch der Schlaf, schraubt sich diese verhängnisvolle Spirale in immer weitere Höhen.

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